Dienstag, 21. August 2012

ATTITUDE (II)

Zeeland (NL) - kurz vor dem Kanal
Das Messer macht also ein bisschen Urlaub von mir und ich begebe mich zum Gate B48 im Transitbereich, wo schon in einer 3/4-Stunde das Boarding beginnen soll erstaunlich früh. So einfach ist es natürlich nicht. Es gibt Schwierigkeiten mit dem Cleaning, Dispatching oder Was-Weiß-Ich-ing und also verzögern sich die div. Prozeduren bis zum Abheben der Maschine (lt. Durchsage 10-15 Minuten, was natürlich gelogen ist). Wäre ich tatsächlich drei Stunden vor dem Boarding zum Check In erschienen, würde ich jetzt wohl ein wenig ungeduldig auf der Armlehne meines Warteraum-Sitzes herumtrommen, so wie es jedoch ist, ist es nur ein wenig zäh genau wie davon zu berichten/darüber zu lesen. Ich würde auch viel lieber einen riesigen Sprung machen und von den unheimlich aufregenden Sachen in Halifax berichten, die liegen aber vorerst auf Eis, weil ich sozusagen gerade auf Eis liege. Nein, ich bin nicht im Knast gelandet... ich komme aber am (bislang vorläufigen) Ende der Pechsträhne erst dazu.

Der Flug ist für mich sehr komfortabel, weil der einzige Sitz neben dem meinen (am Fenster) unbesetzt bleibt und ich mich also wunderbar ausbreiten kann. Essen und Getränke auf dem Tischchen links, Nerdbook auf dem Tischchen vor mir (wie zu Hause, nur in Puppenstubengröße)
Naa, Dutziwutzi, was willst Du denn
mal werden, wenn Du groß bist?
und ich muss auch nicht jedesmal jemanden von seinem Platz aufscheuchen, wenn ich zur Toilette will. Ich wünschte, diesen Luxus hätte ich schon bei meiner Australienreise gehabt. Eigentlich hatte ich ja vor, während des Fluges von meinem Vancouver-Geburtstag zu schreiben, da ich aber gestern Nacht einige technische Probleme mit der Blog-Provider-Software hatte, war der komplette erste Beitrag (Tokio), den ich schon Tage vorher fix und fertig hatte, spurlos verschwunden. Solcherlei Unfälle stellen meine innere Balance auf eine weit härtere Probe, als albernes Wasser in Form von Regen. Da es nun noch nicht allzu lange her ist, dass ich die Arbeit daran beendet hatte, kann ich mich noch gut an den verlustig gegangenen Beitrag erinnern und nutze die Flugzeit, "Tokio" Wort für Wort aus meinem Gedächtnis in das Nerdbook zu tippen und verzichte auf Vancouver-Nacherzählungen, weil das (sorry) einfach zu viel des Guten für mein übernächtigtes Gehirn wäre.
In Halifax angekommen muss ich irgendwie, kaum dass ich den Boden berührt habe, unbemerkt irgendetwas falsch machen, denn nach der oberflächlichen Passkontrolle werde ich (ansonsten nur noch eine weitere Mitreisende) aus über 250 Fluggästen herausgepickt und zum Office der Einwanderungsbehörde gebeten, um nähere Angaben über mich, den Grund meines Aufenthaltes bzw. meine Absichten währenddessen, meinen Beruf und so weiter zu machen. Ich frage mich ernsthaft, womit ich mich wohl verdächtig gemacht haben könnte. Ja, ich habe bei der Passkontrolle geschwitzt wie ein Bekloppter, aber wir haben auch 25°C und eine Luftfeuchtigkeit von über 90% verdächtig wäre es doch eher, wenn ich NICHT schwitzte. Die rotgelockte, sommersprossige Beamtin ist keineswegs unfreundlich oder autoritär, aber ihrer vollkommenen äußerlichen Ruhe und undurchdringlich entspannten Miene zum Trotz glühen da einige tausend Watt braunsche Röhren in ihren hellblauen Augen und ich wette, dass, wenn man belichtbares Material hinter meinen Kopf halten würde, ein gestochen scharfes Abbild meines Schädelknochens dabei herauskäme.
Nachdem die (empfunden) halbstündige Befragung ergebnislos abgeschlossen ist, erkundige ich mich höflich, ob ich mich irgendwie verdächtig benommen hätte, oder weshalb ich zum Office gebeten wurde. Ihr Gesicht bleibt unverändert, entspannt, undurchdringlich: "Niemand verdächtig sie, Sir. Es werden lediglich stichprobenartig Menschen zum Zweck demographischer Erhebungen ausgewählt und befragt. Diesmal hat es Sie getroffen, genau wie die junge Dame hinter Ihnen, die ebenfalls keine Verdächtige ist". Erzähls Deiner Omma.

Nachdem ich mein Gepäck aufgenommen habe, verlasse ich den Terminal in Richtung Taxistand. Ich setzte kurz den Seesack ab, verheddere mich mit einer der Schulterriemenschnallen im Kabel meines iPod-Kopfhörers, das daraufhin sofort abreißt. Im englischsprachigen Raum sagt man "when it rains it pours" anstelle von "ein Unglück kommt selten allein" - um den Regen am Rande einmal wieder ins Spiel zu bringen. Auch das kickt mich nicht so schnell aus der Bahn, denn als echter Phonoholiker habe ich natürlich einen Ersatzkopfhörer im Bordcase.
'Murphy'? Kann mich mal.

Mein Hotel (< für die noobs: Das Gelbe ist ein Link) liegt im Stadtviertel Commons und ist ein sog. Inn. Was läge da also näher, als es auf den Namen Commons Inn zu taufen muss sich wohl auch der Besitzer gedacht haben. Ich bekomme eins der Zimmer für Langzeitgäste, bzw., wie auch schon letztes Jahr in Vancouver, unaufgefordert ein Upgrade ohne Zusatzkosten. Ich finde diese Geschäftspolitik ungewöhnlich freundlich und beinahe schon verrückt vernünftig. Wenn Du in Deutschland die kleinste Zimmerkategorie per Internet buchst, ohne persönlich zu verhandeln, bekommst Du das kleinste Zimmer im Haus Punkt. Da spielt es keine Rolle, ob man nur eine oder einhundert Nächte bleibt, gebucht ist gebucht.

Alles MEINS!
Mein Zimmer liegt unmittelbar neben einem Balkon im zweiten Stock, der natürlich nicht nur für mich, sondern für alle Gäste zugänglich ist. Ich betrachte ihn aber nur zu gerne als "meinen" Balkon, auf dem selbstredend alle immer herzlich willkommen sind. Das Zimmer selbst ist, für meinen vergleichsweise kleinen Erfahrungsschatz, vergleichsweise luxuriös  geschätzte 15m² plus 3m² Badezimmer – Doppelbett, Kleiderkommode, ein auf alt getrimmter Polsterstuhl mit Beistelltischchen (leider nicht zum Schreiben geeignet), Kühlschrank, Mikrowelle, Klimaanlage und einen großer Flatscreen-Fernseher. Wehrmutstropfen: Obwohl nur im 2OG, ist es doch schon unter dem mit schwarzer Dachpappe gedeckten Dach gelegen und heizt sich beim kleinsten Sonnenstrahl innerhalb weniger Minuten derart auf, dass man es ohne Klimaanlage nicht lange darin aushalten könnte. Die Klimaanlage wiederum macht in etwa so viel Lärm wie ein Rasenmäher... aber was solls, ich bin nicht nach Halifax gekommen, um mich möglichst lange im Hotel aufzuhalten.
Tatsächlich aber mache ich am Tag nach meiner Ankunft nicht allzu viel anderes. Wie üblich am ersten richtigen Urlaubstag schlafe ich fast bis in den Mittag hinein, und mache mich dann auf den Weg, diejenigen Kleinigkeiten zu besorgen, die ich ungern über Kontinente hinweg mit mir schleppe, weil sie überall in etwa das selbe kosten und genau das selbe können: Seife, Shampoo usw. Außerdem lernt man so auch immer gleich die Gegend wenigstens ein bisschen kennen. Bei diesem kurzen Gang glaube ich noch, dass mir womöglich der Jetlag in den Knochen steckt, was sich später jedoch als Fehldiagnose herausstellen soll. Wieder im Hotel angekommen, bestücke ich den Kühlschrank mit einem unterwegs erstandenen, vakuumverschweißten Sandwich, einer großen Flasche Wasser, einer Tüte Orangensaft (kanadisches Bier hatte ich gestern Abend schon besorgt) und mache nun endlich ENDLICH wieder einmal das, wozu ich seit drei Wochen überhaupt nicht mehr gekommen bin: NICHTS. Absolut reines, süßes, geruchsneutrales g-a-r n-i-x, nur unterbrochen von gelegentlichem Fernsehen und Dabei-Wegpennen. Ich liebe liebe liebe das. Man könnte nun nicht zu völlig unrecht anmerken, dass Nix-Tun auch unheimlich gut in Oer-Erkenschwick, oder meinetwegen in einem Erdloch in Afghanistan funktioniert. Dazu kann ich nur sagen: Bidde, fahrt ihr gerne dorthin, ich tue eben lieber in Halifax nix.

Gegen Abend bekomme ich ein wenig Appetit und nehme das Sandwich in Augenschein: So eine Art dickeres, längliches Hotdog-Brötchen mit Pepperoni-Salami und einer dem Aussehen nach dampfgeplätteten Minifrikadelle als Füllung. Ob das vielleicht besser schmeckt, wenn man es vorher in der Mikrowelle erhitzt? Klare Antwort: Nein. Ich habe das Experiment abgebrochen, bevor dem durch die Mikrowellenbestrahlung neu entstandenen Gehirn, das kurz zuvor noch wie ein  normales Hotdog-Brötchen aussah, am Ende auch noch Arme und Beine wachsen.
Bun-Brain
Tjaja, so entstehen in Comics immer die Superbösewichte erst geht alles ganz prima mit dufte Strahlung los und am Ende weint dann wieder einer. Nee, mit mir nicht! Dem größenwahnsinnigen Unhold wird sofort die schützende Plastikhülle zerstört und schon ist er schutzlos der todbringenden Atmosphäre unseres Planeten ausgesetzt zackbums, kurzer Prozess, Schluss mit Bun-Brain-Beams, würdige Beisetzung des Beinahe-Bösewichts im Badezimmerabfall.
Wie es aussieht, werde ich wohl zum Essen ausgehen müssen.
In einem Flyer, den ich von Rezeptionist Dominic bekommen habe ist u.a. der Weg zu einem Resaurant namens Jane's beschrieben, das nur einen Steinwurf entfernt (Ecke West/Robie (s. Hotel-Link)) liegt und, so sagt mir der Flyer, a little upscale, also ein wenig vornehmer ist. Um mich nun auch ein wenig upzuscalen, beschließe ich meinen Bart zu stutzen und die Wangen zu rasieren - habe ich auch in den letzten drei Wochen nicht gemacht. Der elektrische Barttrimmer hat während des Fluges im Seesack mir-nichts-dir-nichts beschlossen, mir ein neues Styling zu verpassen und den auf vier Millimeter voreingestellten Aufsatz zurückgestellt auf nunmehr nur noch einen Millimeter. Erst nachdem die erste Bahn durch das Gesichtsgestrüpp schon gezogen ist, erkenne ich die Absichten des Barttrimmers, sodass sich weitere Diskussionen mit ihm erübrigen und ich wohl oder übel seinem Plan bis zum Ende folge. Nach der Barttrimmung folgt die Rasur, bei der ich mich mehrfach in der Nähe der Kehle verletze - ich bin wohl etwas aus der Übung - und natürlich noch die Dusche, nach der ich feststelle, dass ich vergessen habe eine Haarbürste einzupacken.
Haar hoch, Bart runter
Mich über meine eigene Dummheit zu belachen klappt nicht immer, dieses Mal aber ganz ausgezeichnet.

Kurz bevor ich zu Jane's aufbreche, setzt ganz leichter Regen ein. Ha, Wetter! Ich setze mein albernes, australien- und kanadaerprobtes Buckethütchen auf, sodass meine ebenfalls alberne Frisur auf jeden Fall unbeschadet in dem etwas vornehmeren Restaurant ankommen wird. Auf der Hälfte der etwa 250 Meter Weg zum Restaurant dreht irgendwer, irgendwo am großen Wasserhahn und es pladdern die schönsten dicken Tropfen so dicht vom Himmel, dass man keine 20 Meter weit sehen kann. Wie schon zuvor erläutert, ich schere mich nicht um "Das Wetter". Innerhalb weniger Sekunden sind meine Klamotten bis auf die Haut durchgeweicht, während ich in ganz normalem Tempo weiter in Richtung Restaurant schlendere. Ich strecke kurz die Hand aus und bemerke spöttelnd: "Hm, die Luftfeuchtigkeit scheint etwas angezogen zu haben", in das prasselnde H2O-Inferno.

Was mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar war, war dass der vermeintliche Jetlag nur eine als Jetlag getarnte fette Grippe ist, die irgendein Pupsgesicht mit ins Flugzeug gebracht haben muss. Hätte ich es geahnt, wäre ich wahrscheinlich nicht mit klatschnassen Klamotten essen gegangen (upscale war es übrigens nicht wirklich). Die kleine gemeine Grippe-Pointe verstehe ich erst am kommenden Morgen, wieder unterwegs um weitere Kleinigkeiten zu besorgen, aber auch um zum Point Pleasant und zum Meer zu spazieren. Von Anfang an ist da dieses signifikante Kratzen im Hals, zu dem sich später noch Schnoddernase, Schweißausbrüche und Gelenkschmerzen gesellen. Ich beschließe die jetzt im Geist korrigierte Diagnose ein Weilchen zu ignorieren und laufe im Energiespargang immer noch ein Stückchen und noch ein Stückchen... und beim Atlantic Drive, also fast am Ziel des Spaziergangs angekommen, wird mir so hundeelend, dass ich umgehend zu einer der Hauptverkehrsadern zurückkehre, um mir ein Taxi heranzuwinken.

Seither sieht mein Halifax so aus:
Schwitzen, duschen, Klamotten wechseln, schlafen, zwichendurch rotzen, rotzen, rotzen... und das Ganze noch einmal von vorne. Aber hey, solange ich noch lustige Geschichten darüber schreiben kann... 'ß-]

Ihr versteht jetzt hoffentlich, warum ich die "Busfahrt zum Supermarkt"-Nummer durchziehen musste, oder?

Kommentare:

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    1. Dein Wort in Dingsbums Ohr. Tag 3 im Bett (nur einmal raus zum Einkaufen). Ich hoffe, morgen gehts wieder.

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    1. Oui merci, es geht endlich wieder besser. Man hört noch die Nebenhöhlen grölen, aber das Fieber ist runter. Nichtsdestotrotz werde ich heute noch (vorsichtshalber) Halifax Halifax sein lassen > morgen erst zum Point Pleasant wackeln und dann neue Pläne machen.

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    2. Haste dann jetzt auch endlich mal was erlebt?

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    3. Ja doch, net hetzen! Schbin im Ollaub do!

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    4. Ich frag doch nur ganz nett...

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  3. Und was sind das überhaupt für Uhrzeiten, die hier angegeben werden? Ist das Deine aktuelle Zeitzone?

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    1. Sehr aufmerksam Frau Zauberticktack! Nein, das ist nicht meine Zeitzone, sondern Pacific Summer Time. Frach misch net warum, blogspot will es anscheinend so. Tatsächlich bin ich MESZ -5 Std.

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    2. einfacher: es ist jetzt viddel nach 6

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  4. häppi börsdei tuuu juuuu, häppi börsdei tuuuu juuu, häppi börsdei lieber eickepopeicke, häppie börsdei tu ju!
    ich hoffe du bist wieder fit und kannst deinen geburtstag richtig geniessen! Alles Liebe und Grüße an die Füße. SabineTurbine

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    1. Sabinchen! Beinahe hätt ich Dich übersehen... das darf natürlich nicht sein. Vielen Dank, bin wieder wohlauf und habe den Geburtstag sehr entspannt verbracht. Die Füße lassen freundlichst zurückgrüßen (sie lesen zwar mit, sind aber zu blöd zum selber tippen).

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