Dienstag, 17. August 2010

INFLIGHT (II)


Meine Sitznachbarn stammen aus dem Badischen und das ist auch schon der erste  Fettnapf in den ich stolpere, denn ich äußere den Verdacht, sie könnten Schwaben sein! Ebensogut könnte man einem Kölner einen ersten Wohnsitz in Düsseldorf anhängen wollen. Interessanterweise ist der Eigentümer des größten Bordells in Düsseldorf – direkt an den Gleisen beim Hauptbahnhof gelegen – ein Kölner. In dieser Tatsache versteckt sich meiner Ansicht nach unbedingt eine Metabotschaft, die aber nicht das geringste mit Flugreisen oder Australien zu tun hat.
Badener also. Oder Badenser? Wie dem auch sei, die beiden sind ein in Karlsruhe lebendes Ehepaar. Sie vergeben mir großmütig meinen Schwaben-Fauxpas und stellen sich späterhin als erprobte Globetrotter heraus. Für dieses Mal haben sie sich vorgenommen, den halben australischen Kontinent in nur vier Wochen zu bereisen – teils mit dem Flugzeug und teils im Reisebus aber alles im Reisegruppenverband eines wohlgemerkt deutschen Reiseunternehmens mit ausschließlich deutschen Mitreisenden. Seiner Logik zufolge muss man sich auf diese Weise weniger Gedanken um alles Mögliche machen. Nachvollziehbar... wenn die beiden steinalt wären. Vermutlich sind sie jedoch jünger als ich. Vielleicht ist das ja auch wieder so eine badische Sache... Um Himmels Willen – am Ende ist das eine rein badische Reisegruppe!
Nun zumindest die Überkorrektheit haben sie mit den Schwaben gemeinsam. Als ich ihnen in der endlos langen Warteschlange beim Boarding in Singapur, in der ich ungefähr 50 Meter weiter vorne stehe, den Platz vor mir anbiete, lehnen sie dankend ab und ich habe den Eindruck, sie trauen sich nicht so recht. Auch Ihre Beharrlichkeit in Sachen Anrede (sie versuchen es immer mal wieder mit dem Siezen) ignoriere ich geflissentlich aber dabei immer so verdammt nett, dass sie irgendwann zum 'Du' einknicken. Verdammt noch eins! Wir haben gemeinsam den Himalaya überquert. Die zwei haben den unglaublichen Anblick zwar verschlafen, aber darauf kommt es ja auch nicht an, sondern einzig darauf, dass ich Leute, mit denen ich über den Himalaya geflogen bin, einfach nicht siezen will! Nun gut, wenn sie unerträgliche Dummköpfe wären, würde ich vielleicht auch auf das 'Sie' bestanden haben, aber nein, sie sind doch bloß Badener! Und allein daraus kann und darf man niemandem einen Strick drehen.
Nachdem wir in Singapur wieder eingestiegen sind, ist von meiner guten Saucenkleckerlaune von vor etwa zwölf Stunden nicht mehr allzu viel übrig. Zu diesem Zeitpunkt erwische ich mich wahrhaftig dabei den Gedanken, gleich ganz in Australien zu bleiben, allmählich schon deshalb attraktiv zu finden, weil mir das den elenden Rückweg ersparen würde – dabei habe ich noch nicht einmal den Hinweg geschafft.
***
Der Weg aus Malaysia über den indischen Ozean führt zum Großteil durch absolute Dunkelheit – kein Licht vom Himmel, kein Licht von der See. Es ist so verdammt düster da draußen, dass ich die Tragfläche nicht mehr sehen kann, sondern einfach an ihren Zusammenhalt mit dem Rumpf glauben muss, weil sich das Flugzeug hartnäckig in der Luft hält. Außer den Flugbegleitern und mir scheint in meiner näheren Umgebung alles zu schlafen. Ich schaue mir inzwischen den vierten oder fünten Film im Bordkino an und bin mittlerweile derartig matschig, dass ich im schwindenden Geiste Fragen wälze, wie z.B.: „Kann man eigentlich auch dem 'mile-high-club' beitreten, wenn man außer sich selbst keinen Sexualpartner am Start hat, oder zählt das dann nicht?... oder zählt es nur zur Hälfte? Gibt es vielleicht einen 'half-mile-high-club'?... Aber wir fliegen doch eigentlich über 5 Meilen hoch... Wäre das dann der Two-and-a-half-mile-high-club? Und was, wenn man mehr als einen Sexualpartner hat? Multipliziert sich das dann? Und wenn ja, mit welchem Faktor?“
Kurz bevor wir das australische Festland erreichen, reißt der Himmel auf und ein glasklares Sternenzelt wird sichtbar. Ich schalte den Film aus und konzentriere mich wieder auf den Ausblick. Auch jetzt hebt sich die Tragfläche nicht vom schwarzen Nachthimmel ab, sondern ist nur dadurch zu erkennen, dass sie den Sternenhimmel teilweise verdeckt, also gewissermaßen ein tragflächenförmiges Loch im Sternenzelt bildet. Beim Blick in Richtung See habe ich für einen Moment den Eindruck, dass sich die Sterne im Wasser spiegeln – was in 10km Höhe unmöglich wahrzunehmen wäre – bis ich begreife, dass ich da unten die Beleuchtung von zig Schiffen sehe, die mit vielen Kilometern Abstand zueinander fahren und so für mich Sternbilder auf dem pechschwarzen Wasser erzeugen. Leider ist es vollkommen unmöglich so etwas zu fotografieren. Das Foto würde bestenfalls weiße Punkte auf einer schwarzen Fläche zeigen. Ihr müsst Euch also mit der Schilderung zufrieden geben. Außer mir hat es wahrscheinlich nur noch die Cockpitcrew gesehen, alle anderen habens verpennt.
Der restliche Flug verläuft im weiteren bis Sydney eher unauffällig, ebenso Zollkontrolle und Gepäckabholung. Als man in der 'Quarantine' feststellt, dass es sich bei meinen mitgebrachten Nahrungsmitteln nur um eine Rolle Pfefferminzdrops handelt, entlässt man mich aus dem Flughafengebäude. Der Beamte dort spricht erstaunlich gut deutsch.
Am Taxistand angekommen, begrüßt mich ein mitleidig dreinschauender Fahrer, der mir offenbar ansieht, wie es mir geht. Trotzdem fragt er freundlich ironisch lächelnd: „And how are you today?“.
Ich lege die Stirn in Falten und lächele etwas schief zurück: „Thanks, like scrambled eggs with hairs on it.“

Kommentare:

  1. Und wie geht's weiter? Ich will meeeeehr...

    AntwortenLöschen
  2. Das Sternenzelt (oben wie unten) hätte ich sehr gerne gesehen.
    Bei meinem letzten Rückflug nach Deutschland hatte ich das unfassbar schöne Spektakel miterleben dürfen, in einen Sonnenaufgang 'hinein' zu fliegen. Da bleibt selbst einem Paranoiker die Angst weg.

    AntwortenLöschen